Mit jeder Geburt wird auch eine Mama geboren

„Du sagtest, es wird nicht mehr schlimmer! Das sticht; es tut so weh! Ich kann das nicht mehr! Lasst mich hier raus! Ich breche ab….Warum helft ihr mir nicht?!“ Voller Erschöpfung, Angst und Verzweiflung, befinde ich mich im Vierfüßlerstand in einer Wanne eines Kreissaals eines Krankenhauses, in den Armen meiner Hebamme und meines Mannes, Ben.

„Aber wir helfen Dir doch!“, so die Hebamme. „Du musst Dich nur einmal drüber trauen und pressen.“ Es gibt kein zurück mehr und auch keine Pause. Je länger ich mich dagegen wehre, umso länger würde es dauern. Ich setzte mich wieder in die Wanne, lagerte meine Füße seitlich ab, drückte dagegen und presste. „Gib keinen Laut von Dir. Presse ganz leise und Kinn zur Brust – so hast Du viel mehr Kraft!“, riet mir die Hebamme. „Super, wir zählen jetzt von 10 runter. Spätestens um 22 Uhr ist er da!“ Nach jeder Presswehe sah ich auf die Uhr. Es ist jetzt 21 Uhr 08 und 12 Sekunden.

Gestern vor 2 Wochen hat sich mein Leben erneut auf den Kopf gestellt. Der Kampf um Routine im Chaos und erneut Ich-Zeit im Alltag integrieren hat begonnen. So sehr ich meinen kleinen Wirbelwind und mein kleines Äffchen auch liebe, die erste Begegnung war kein Rausch von Glückshormonen, wie mir viele Prophezeiten. Sie war gebannt mit einer Achterbahn von Emotionen: Erleichterung, Verzweiflung, Angst, Liebe, Glück und Erschöpfung.

Erster September 2019, ca. 17:30 Uhr, auf der Toilette unserer Wohnung – die nächste Wehe, dieses Mal nicht nach 45 Minuten (wie seit etwa 9 Uhr vormittags), sondern bereits nach 30 Minuten. Oma kontaktiert, weiter um gute Laune bemüht und nebenbei unsere Tochter immer wieder darauf hinweisen, dass Mama und Papa dann los müssen; so wie in dem Buch. „Oma kommt dann und legt Dich heute zu Bett – gut? Morgen Früh gehst Du in den Kindergarten und wenn Du wieder nach Hause kommst, dann siehst Du Mama wieder – Deinen Bruder lernst Du dann auch kennen.“ – „Baby, da.“, sagt unsere kleine Maus, greift auf meinen Bauch, deckt ihn wieder gut zu und meinte: „Gut!“. „Ja, genau! Das Baby im Bauch, wird Mama morgen in den Armen halten und Dir vorstellen.“

Als Oma bei uns eingetroffen ist, kommen die Wehen bereits alle 15 Minuten. „Ben, wir fahren jetzt! Ich brauche eine PDA! Wir warten nicht ab, bis die Wehen alle 5 Minuten kommen. Das ist mir zu riskant!“ Auf dem Weg zum Krankenhaus, rufe ich meine Hebamme an: „wir fahren jetzt schon ins Spital, die Wehen kommen alle 15…..ah….da kommt eine, alle 10 Minuten….verdammt, das geht mir zu schnell – wieder!“

19:40 Uhr, vor dem Spital angekommen, wartet bereits unsere Hebamme und empfängt mich beim Auto. Während ich aussteigen möchte, plagt mich bereits die nächste Wehe. „Die letzte hatte ich vor 6 Minuten.“ Flehend schaue ich zur Hebamme: „Bitte, ich brauch‘ eine PDA! Es tut so weh.“. „Yvonne, wir müssen erst mal sehen, wie weit Du bist; Ich kann jetzt noch nichts sagen!“ Nach der Anmeldung, wird ein Zimmer mit Wanne reserviert und dann werde ich untersucht: „Du bist schon bei 6 Zentimetern – wir warten noch eine Wehe ab, damit ich weiß, wie schnell es weiter gehen wird….ok, es tut mir leid, eine PDA geht sich nicht mehr aus…bis diese wirkt, sind wir bereits bei den Presswehen!“ Verzweifelt schaue ich zur Hebamme: „Wirkt die Wanne ähnlich wie eine PDA?“ „Nein. Aber die Pausen werden angenehmer sein.“

Ich sitze in der Wanne, verzweifelt und geplagt von Schmerzen, die nicht mehr pausieren wollten. „Yvonne, wir konzentrieren uns auf die Pausen. Versuche Dich zu entspannen.“ „Welche Pausen? Ich spüre keine Pausen mehr!!!“, „Du hast gerade keine Wehe, versuche Dich zu entspannen und Kraft zu tanken! Anstatt dass Du Dich auf die Ruhephasen konzentrierst, fokussierst Du immer die Wehen. Versuche es umgekehrt“ Tja, das kann ich leider nicht. Denn damit tu ich mir ja sonst auch schon schwer, wie sollte ich das dann bitte in dieser Ausnahmesituation hinbekommen?!

Es blieb mir nur eine Wahl. Es hinnehmen wie es ist und versuchen, jede Wehe mit etwas Positivem zu verbinden. Von nun an, dachte ich ständig an unsere süsse Maus. An ihr Lächeln, ihre Umarmungen, ihre Worte. Ich vermisste sie und freute mich, sie bald wieder in den Armen zu halten. Die Schmerzen waren immer noch da, aber kürzer und gehemmter. Die Uhrzeit ließ ich nie aus den Augen und lenkte mich mit dem Sekunden zählen zusätzlich ab.

„Wow, der kann ja jetzt schon richtig laut schreien!“, so meine Hebamme. Geschafft! 21:39 Uhr. Ich gratulierte meinem Sohn von ganzem Herzen: „Tüchtig warst Du mein Schatz! Aber Du hast Deine Mama ganz schön herausgefordert!“

Ben war glücklich und stolz auf unseren 51 Zentimeter großen und 3,5 Kilogramm schweren Jungen: „Ihr wart sehr tapfer! Das habt ihr toll gemacht!“. Ich erwiderte: „Danke! Aber die Geburt mit Mia war viel angenehmer und schöner. Eine Wannengeburt ist mit einer PDA nicht zu vergleichen.“ „Für mich war diese Geburt viel schöner, denn ich habe mich gebraucht gefühlt und konnte Dich unterstützen! Bei der ersten Geburt, hast Du mir bloß lasch die Hand gegeben. Dieses Mal konnte ich Dich halten, drücken und Dich beim Atmen begleiten!“, so Ben. „Wirklich?! Wusste gar nicht, wie das für Dich ist – und es tat sehr gut, dass Du mitgeatmet und mich gehalten hast! Danke!“

„Die Geburt ist zwar kein Zuckerschlecken, aber sobald Du Deinen kleinen Schatz in den Armen hältst, ist alles vergessen!“, haben sie gesagt. Also ich kann mich an beide Geburten noch sehr gut erinnern. Kein Geschrei, keinen Schmerz, kein Ziehen, Zwicken, Stechen und keinen Augenblick der Verzweiflung, habe ich vergessen. Dennoch möchte ich keinen dieser Momente missen und bereue nicht Schwanger gewesen zu sein! Dass die Geburten so unkompliziert verlaufen sind, kann ich mich glücklich und dankbar schätzen. Heute habe ich zwei wunderbare und gesunde Kinder, die mich jeden Tag herausfordern und den Alltag auf den Kopf stellen – und dafür Liebe ich sie!

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